: Anbaden - kann das gesund sein?

An den Küsten der Nord- und Ostsee hat das Anbaden Tradition. Während die einen kopfschüttelnd im Wintermantel zuschauen, lassen sich die anderen das frostige Badevergnügen nicht nehmen. Doch: Kann das gesund sein?

Egal ob an der Nordsee- oder der Ostseeküste: Vielerorts gehört es zur Tradition, am Neujahrstag die Badesaison zu eröffnen. Für die Badenden ist es quasi Ehrensache, sich auch von frostigen Temperaturen nicht beeindrucken zu lassen. Auf Sylt, auf Rügen und entlang der ostfriesischen Inseln begeben sich regelmäßig Personen ins Wasser, obwohl das um diese Jahreszeit typischerweise kaum fünf Grad Celsius erreicht. Noch härter im Nehmen scheinen unsere skandinavischen Nachbarn zu sein: In Finnland und in Schweden ist es nicht unüblich, auf zugefrorenen Gewässern ein Loch in die Eisdecke zu hacken – und darin ein erfrischendes Bad zu genießen. Bei diesem Eisbaden sind Temperaturen rund um den Gefrierpunkt inklusive! Spätestens hier drängt sich die Frage auf: Was ist eigentlich aus medizinischer Sicht vom Anbaden oder Eisbaden zu halten?

Die Befürworter des Eisbadens sind sich jedenfalls sicher: Das kalte Bad stärkt den Kreislauf, die Ausdauer, das Immunsystem und macht gute Laune. Man fühlt sich so lebendig wie selten zuvor. Die Erklärung hierfür: Der extreme Temperaturreiz führt zu einer kräftigen Adrenalin-Ausschüttung in den Blutkreislauf – ähnlich wie bei einem Fallschirmsprung. Das ist auch notwendig. Denn angesichts der eisigen Temperaturen muss der Körper all seine Kräfte mobilisieren. Dafür ist das Stresshormon Adrenalin zuständig.

Gleichzeitig ziehen sich die äußeren Blutgefäße zusammen. Der Körper verhindert so ein schnelles Auskühlen. Dies stellt zweifellos ein Training für den Kreislauf dar, vergleichbar mit dem Wassertreten bei einer Kneippkur oder Wechselduschen. Allerdings ist der Effekt beim Baden im kalten Wasser weitaus extremer, so dass unter Umständen nicht nur die äußersten Blutgefäße entsprechend reagieren. Der Kälteschock kann insbesondere bei Menschen mit Kreislauf-Problemen auch auf das Herz übergreifen.

Risiko Kälteschock

Tatsächlich sollte man den Kälteschock nicht unterschätzen, der insbesondere von Schiffsunglücken oder Stürzen ins kalte Wasser bekannt ist. Das plötzliche Zusammenziehen der Blutgefäße kann zu einer reflexartig einsetzenden Schnellatmung führen – bis hin zur Hyperventilation. Genau das ist bei Schiffsunglücken in kaltem Wasser die häufigste Todesursache: Die Opfer haben keine Chance mehr, kontrolliert zu atmen. Sie schlucken Wasser, das in die Lungenflügel gelangt, und drohen so innerhalb kürzester Zeit zu ertrinken.

Daher gilt: Egal ob man sich zum Vergnügen ins eisige Wasser begibt, oder um jemandem zu helfen. Man sollte sich immer sehr behutsam ins kalte Wasser begeben und niemals einfach hineinspringen.

Wichtig: Körper gezielt vorbereiten

Grundsätzlich ist es zudem möglich, den Körper auf solch extremen Temperaturreize zumindest etwas vorzubereiten: Regelmäßige Wechselduschen trainieren den Kreislauf. Gleiches gilt für Wassertreten, Kaltwassergüsse für Gesicht und Arme sowie Schneetreten. Wichtig hierbei: Der Körper sollte vor dem Training warm und gesund sein. Wer also vorhat, der Tradition des Anbadens am Neujahrstag zu folgen, kann und sollte sich entsprechend vorbereiten. Es ist nicht empfehlenswert, sich aus einer Neujahrslaune heraus komplett unvorbereitet in das eiskalte Nass zu begeben.

Beim Baden im kalten Wasser selbst gilt:

  • Gehen Sie langsam ins Wasser. Sonst riskieren Sie einen Kälteschock (s.o.)!
  • Anbaden und Eisbaden müssen immer unter Aufsicht geschehen. Gehen Sie niemals alleine ins Wasser.
  • Halten Sie den Kopf über der Wasseroberfläche – nicht nur wegen eines möglichen erhöhten Temperaturverlusts, sondern vor allem, um sicher atmen zu können.
  • Bleiben Sie nur für kurze Zeit im Wasser: Maximal wenige Minuten sind erlaubt.
  • Auch wenn Sie nach dem kalten Bad aufgeputscht sind und sich großartig fühlen: Ziehen Sie sich sofort etwas Warmes an.

In jedem Fall sollte man sich bewusst ein: Gerade im kalten Wasser kühlt der Organismus besonders schnell aus. Schließlich ist die Temperaturleitfähigkeit von Wasser weitaus größer als die von Luft.

Für Menschen mit Herz-Kreislauf-Problemen oder bei einer akuten Erkrankung – und sei sie noch so leicht – ist Eis- oder Anbaden in keinem Fall empfehlenswert.