: Bedeutung von Spielen und Bewegung für die Entwicklung

Wenn von gezielter Förderung von Kindern die Rede ist, denken viele vor allem an zusätzliche Lern- und Übungseinheiten – und weniger an Spiel und Bewegung. Dabei sind letztere für die kindliche Entwicklung nicht zu unterschätzen.

Kinder haben von sich aus einen natürlichen Bewegungsdrang. So ist insbesondere im Kindergarten- und auch noch im Grundschulalter nur eingeschränkt an Stillsitzen zu denken. Doch auch wenn das für uns Erwachsene manchmal anstrengend und in manchen Situationen schwierig zu akzeptieren ist: Die Bedeutung von Bewegung darf für die kindliche Entwicklung nicht unterschätzt werden.

Lernen beginnt mit Bewegung

Wir Erwachsene betrachten das Thema „Lernen“ gerne als etwas rein Kognitives – also vor allem als Kopfsache, bei der es gilt, Gedanken zu formulieren und zu festigen. Tatsächlich steht jedoch am Anfang jeden Lernens Bewegung. Für Neugeborene beginnt die Entwicklung damit, zu strampeln, zu krabbeln, zu laufen. Die Kommunikation des Neugeborenen ist ebenfalls bis auf weiteres nonverbal – und neben diversen Lauten spielen hierbei unterschiedlichste Bewegungen eine entscheidende Rolle. Auch für die Aneignung der Sprache ist Bewegung notwendig: Um verständliche Laute artikulieren zu können, müssen Lippen, Zunge etc. in die passende Position gebracht werden.

Tatsächlich ist Bewegung für die menschliche Entwicklung so zentral, dass man die kognitive Entwicklung, also das intellektuelle Lernen, nicht losgelöst davon sehen kann. Betrachtet man die Evolutionsgeschichte, fällt auf, dass beides quasi Hand in Hand miteinander geht: Je ausgeprägter die motorischen Fähigkeiten unserer Vorfahren wurden, desto größer wurde auch die intellektuelle Leistungsfähigkeit. Insbesondere die Fertigkeit, mit den Händen Werkzeuge herzustellen und einzusetzen, führte zu einem Wachstum der dafür zuständigen Gehirnareale, was wiederum die Grundlage für die Entwicklung eines höheren Bewusstseins bildete. Gleiches gilt für das Sprachzentrum, das nicht nur für das Verständnis abstrakter Formulierungen zuständig ist, sondern die Impulse gibt, um unsere Sprechwerkzeuge in Bewegung zu versetzen.

Bewegung und Spiel fördert die Gehirnfunktionen

Nicht zuletzt aus der Demenzforschung weiß man, wie wichtig Bewegung für die Gehirnfunktion ist. So konnte eine Studie der Uni Magdeburg zeigen: Ein regelmäßiges Tanztraining trägt dazu bei, wichtige kognitive Funktionen wie die Gedächtnisleistung, die Wachsamkeit und die Aufmerksamkeit aufrecht zu erhalten. Tanzen erwies sich hierbei als besonders effektiv – auch im Vergleich zu einer Kontrollgruppe, die sich auf Ausdauersport wie Walken oder Joggen konzentrierte. Die Forscher vermuten, dass insbesondere der spielerische Charakter des Tanztrainings einen positiven Effekt hat. Schließlich bieten die üblichen Standard- und lateinamerikanischen Tänze viel individuellen Spielraum beim Umsetzen der Schritte und Figuren sowie in der Interaktion mit dem Tanzpartner.

Aus evolutionärer Sicht fällt ebenfalls auf, dass Lernen häufig spielerisch erfolgt. Denn nicht nur Menschenkinder spielen. Dieses Verhalten lässt sich auch bei anderen Säugetieren beobachten. Besonders offensichtlich ist es bei Hunden, Katzen, Pferden und natürlich auch Affen. Doch wozu überhaupt spielen? Schließlich wird dabei wertvolle Lebensenergie verbraucht und man setzt sich dem Risiko aus, die Umwelt nur noch eingeschränkt wahrzunehmen, was einen anfälliger macht für feindliche Attacken.

Spielen hat hohen Nutzwert

Unterm Strich hat die Evolution jedoch ganz offensichtlich entschieden: Es lohnt sich. Denn je höher entwickelt ein Lebewesen und je komplexer damit das zentrale Nervensystem ist, desto ausgeprägter ist der Spieltrieb. Die Gründe: Zum einen werden beim Spielen körperliche Funktionen wie Ausdauer, Koordination, Kraft und Motorik trainiert – es handelt sich also um ein Bewegungstraining. Zum anderen erfüllen Spiele sowohl im Tierreich, als auch beim Menschen eine wichtige soziale Funktion. Es werden Rollen und Verhaltensmuster unterschiedlicher Art durchprobiert – und zwar in einem Rahmen außerhalb der sonst gültigen Regeln. Kommt es beim Spiel zu Konfrontationen, ist ein weiteres Zusammenleben in der Gruppe dennoch problemlos möglich. Spiel ist daher auch ein wichtiges Kommunikationstraining. Insbesondere fördert das Spielen aber auch die Bildung von Synapsen im Gehirn, also von Querverbindungen und Verschaltungen. 

Fest steht zudem: Spielerisches Lernen ist gerade auch bei komplexeren Inhalten weitaus effektiver, als der Versuch, Wissen mit Druck vermitteln zu wollen. So führt die Angst vor schlechten Zensuren zwar möglicherweise dazu, dass die Bereitschaft zum intensiven Büffeln steigt. Das so erworbene Wissen hat jedoch eine erschreckend kurze Haltbarkeit – meist nicht viel länger als bis kurz nach der entscheidenden Klausur. Ganz anders verhält es sich jedoch mit dem Wissen, bei dem der Lernprozess positiv und mit Freude erlebt wurde. Solche Dinge behält man nicht nur weitaus besser und länger im Kopf, auch der Transfer auf alltägliche Anforderungen erfolgt leichter. Die Folge: Solchermaßen erworbenes Wissen können wir im Alltag weitaus besser anwenden.

Zwar steht gerade die Hirnforschung in vielen Punkten erst noch am Anfang und die unterschiedlichen Funktionen des Gehirns sind bei weiten noch nicht endgültig entschlüsselt. Die meisten Forscher sind sich jedoch sicher, dass es einen wesentlichen Unterschied macht, wie etwas erlernt wurde. Geschieht dies spielerisch und hat dabei möglicherweise auch Bewegung eine Rolle gespielt, bilden sich ganz andere Synapsen und Querverbindungen im Gehirn, als wenn Wissen nur linear und möglicherweise mit Druck vermittelt wird.