: Sehschwäche durch Stubenhocken

Aktuelle Studien zeigen: Neben den Genen hat auch die Lebensweise Einfluss darauf, ob - und wie stark - sich eine Kurzsichtigkeit entwickelt. Vor allem die ersten Lebensjahre sind hierbei entscheidend.

Stundenlanges Sitzen vor dem Fernseher oder dem Computer - dazu Bewegungsmangel und wenig Aufenthalt im Freien. Dass dieser Lebensstil nicht gut für die Gesundheit ist, weiß jeder. Dass darunter auch die Sehkraft leiden kann, war bislang jedoch unbekannt.

Mehr als nur Veranlagung

Denn bis vor kurzem gingen Wissenschaftler davon aus, dass Sehschwächen - insbesondere auch die Kurzsichtigkeit - Veranlagung sind, also genetisch vorbestimmt. Doch dass es noch eine andere Ursache geben muss, zeigt die Studie eines Forscherteams um Ian Morgan von der Australian National University in Canberra.

Die Wissenschaftler konnten nachweisen, dass in den Industrieländern eine wachsende Zahl von Schulabgängern auf eine Brille angewiesen ist. Besonders hoch ist der Anteil in den boomenden Metropolen im Osten und Südosten Asiens, zum Beispiel in Singapur, Seoul und Shanghai. Hier brauchen mittlerweile 80 bis 90 Prozent eine Sehhilfe! Bei 10 bis 20 Prozent der Kinder Ostasiens drohen sogar Folgeschäden bis hin zur Erblindung. Kinder, die auf dem Land aufgewachsen sind, sind davon jedoch deutlich seltener betroffen. Auffällig ist zudem, dass unter den Stadtkindern gerade diejenigen besonders stark von Kurzsichtigkeit betroffen sind, die auf eine höhere Schule gehen.

Zu wenig draußen...

Ähnliche Trends lassen sich auch in Deutschland und Europa beobachten - wenn auch längst nicht so ausgeprägt wie in den asiatischen Großstädten. Die Forscher gehen daher davon aus, dass das Stadtleben einen erheblichen Einfluss auf die hohe Zahl der Sehschwächen hat. Denn gerade Kinder, die in großen Städten aufwachsen, verbringen immer weniger Zeit im Freien, sondern sitzen zu Hause vor dem Fernseher oder dem Computer. Auch häufiges oder zu nahes Lesen während der Schulzeit nennen die Wissenschaftler als mögliche Ursache. Aus anderen Untersuchungen weiß man, dass sich Kurzsichtigkeit während der Schulzeit oftmals stärker entwickelt als während der Ferienzeiten - eine Erklärung dafür, dass mit besserer Bildung auch das Risiko für einen entsprechenden Sehfehler zunimmt.

... im Tageslicht

Dabei spielt nach Erkenntnissen der Wissenschaftler ein Mangel an Sonnenlicht eine entscheidende Rolle. Kurzsichtigkeit entsteht meist, wenn der Augapfel während der Kindheit zu schnell wächst. Dann kann die Augenlinse das Gesehene nicht mehr richtig auf die Netzhaut projizieren. Das zu starke Wachstum des Augapfels jedoch wird in der Regel durch das Hormon Dopamin unterdrückt. Damit sich Dopamin in ausreichender Menge bilden kann, ist wiederum helles Tageslicht erforderlich. Bei Kindern, die viel Zeit im Freien verbringen, ist das Risiko für die Entwicklung einer Kurzsichtigkeit somit deutlich geringer.

Selbstverständlich lässt sich eine Kurzsichtigkeit durch viel Tageslicht nicht grundsätzlich verhindern. Denn auch die Gene haben darauf Einfluss. Die Forscher sind sich jedoch sicher: Wie ausgeprägt sich ein solcher Sehfehler während der Kindheit entwickelt, hängt erheblich von Umweltfaktoren ab.

Eltern sollten also darauf achten, dass ihre Kinder viel Zeit im Freien verbringen - auch an trüben Tagen. Selbst wenn die Sonne nicht scheint, ist das Licht draußen nämlich weitaus heller und intensiver als in geschlossenen Räumen. Idealerweise gehört der Aufenthalt draußen daher zum alltäglichen Rhythmus:

  • Schulweg: zu Fuß statt Auto
    Der tägliche Schulweg kann für die Kinder zu einer wertvollen Lichtdusche werden - wenn sie diesen Weg zu Fuß oder mit dem Fahrrad zurücklegen. Denn auch die Scheiben des Autos halten große Mengen des wertvollen Tageslichts ab.
  • Einkauf: Markt statt Supermarkt
    Nehmen Sie Ihre Kinder mit zum Einkauf - und steuern Sie dabei nicht nur die Supermärkte, sondern regelmäßig auch einen Markt unter freiem Himmel an. Dort findet man nicht nur frische Ware von lokalen Erzeugern, sondern bekommt als Gratisgabe quasi nebenbei immer auch eine Extraportion Tageslicht ab.
  • Zeit für den Spielplatz
    Natürlich müssen Hausaufgaben gemacht werden. Und viele zusätzliche Bildungsprogramme für den Nachmittag - etwa die Musikschule oder auch der Nachhilfeunterricht - machen Sinn. Planen Sie jedoch immer auch Zeit für Spielplatzbesuche ein. Das ist nicht nur gut für die Entwicklung der Augen, sondern auch für die psychische Ausgeglichenheit der Kinder.
  • Sport und Fitness: nicht nur in der Halle
    Egal ob Turnhallen oder Fitness-Studios: Ein großer Teil der Sport- und Fitness-Angebote findet in geschlossenen Räumen statt. Das hat viele Vorteile - ist jedoch auch ein Grund dafür, dass wir immer weniger Zeit im Freien verbringen. Achten Sie also darauf, dass ein Teil der sportlichen Aktivitäten Ihrer Kinder draußen stattfindet. Wenn Ihre Kinder nicht Mitglied im Leichtathletik- oder Radsportverein werden wollen: Nehmen Sie sie doch zum nächsten Bolzplatz oder Basketballkorb mit.
  • Ausflüge am Wochenende
    Unter der Woche sind Eltern und Kinder oft stark eingebunden. Umso wichtiger ist es daher, dass Sie am Wochenende einen wesentlichen Teil des Lebens nach draußen verlegen. Optimal sind Ausflüge - von gemeinsamen Rad- oder Kanutouren über Picknicks bis hin zu Besuchen in Zoos und Freizeitparks ist alles möglich.