: Abstinenz für Schwangere

Dass Alkohol schädlich sein kann, dürfte jedem klar sein. Dennoch wird Alkohol von vielen Menschen in einem speziellen Lebensabschnitt stark unterschätzt: der Schwangerschaft. Jährlich kommen dadurch tausende behinderte Kinder zur Welt.

Alle werdenden Eltern wünschen sich ein gesundes Kind. Viele nutzen daher die Möglichkeiten der Pränataldiagnostik. Denn mittels einer Fruchtwasseruntersuchung lässt sich herausfinden, ob im 21. Chromosom des Erbguts ein Gendeffekt vorliegt – die Trisomie 21. Diese Trisomie ist die Ursache für das so genannte Down-Syndrom, das eine mehr oder weniger starke Beeinträchtigung der geistigen Fähigkeiten bewirkt.

Doch vielen ist gar nicht bewusst, dass dieser gefürchtete Gendefekt weitaus seltener auftritt als eine andere schwerwiegende Behinderung bei Neugeborenen: das so genannte Fetale Alkoholsyndrom (FES). In Deutschland werden jedes Jahr etwa 10.000 Neugeborene mit Alkoholschäden zur Welt gebracht. Bei etwa 4.000 von ihnen ist der Schaden so ausgeprägt, dass sie lebenslang körperlich und geistig schwerbehindert bleiben.

Größeres Risiko: alkoholbedingte Behinderung

Hochgerechnet auf die Anzahl von jährlich etwa 680.000 Geburten in Deutschland bedeutet das: Etwa 0,6 Prozent der Kinder sind alkoholbedingt von Geburt an für ihr restliches Leben schwer gezeichnet – und alleine nicht lebensfähig. Der Anteil der zu erwartenden Kinder mit einem Down-Syndrom liegt dagegen bei „nur“ 0,2 Prozent.

Dabei ist eine Vorbeugung gegen FES sehr einfach möglich: Die werdende Mutter muss dazu lediglich auf den Konsum alkoholischer Getränke vollständig verzichten. Dazu ist jedoch aktuell offenbar nur ein Teil der Schwangeren bereit: In einer Studie der Berliner Universitätsklinik Charité gaben 58 Prozent der befragten werdenden Mütter an, gelegentlich Alkohol zu trinken.

Gefährliches Zellgift

Doch Alkohol ist ein wirksames und damit gefährliches Zellgift. Nicht ohne Grund kam Alkohol vor der Entwicklung weiterer Substanzen als Desinfektionsmittel zum Einsatz. Alkohol schädigt die Zellstruktur aller Lebewesen. Dadurch sterben zum Beispiel Bakterien, aber auch schädliche Pilze ab. Es ist daher wenig verwunderlich, dass es beim werdenden Leben zu besonders gravierenden alkoholbedingten Schädigungen kommen kann – gerade auch, wenn das Kind im embryonalen Zustand noch nichts anderes ist als ein winziger „Klumpen“ aus wenigen Körperzellen.

Schutzlos ausgeliefert

Für das werdende Leben im Mutterleib gibt es keinerlei Schutz vor dem Alkohol. Denn der Alkohol, den die werdende Mutter aufnimmt, durchdringt über die Nabelschnur ungehindert die Gebärmutterschranke. Dadurch hat das Ungeborene mit nur minimaler Zeitverzögerung denselben Blutalkoholpegel wie die Mutter – und zwar unabhängig davon, in welcher Woche bzw. in welchem Monat sich die Schwangerschaft befindet.

Hinzu kommt: Der Organismus des Ungeborenen kann auf die Belastung mit dem Zellgift Alkohol weitaus schlechter reagieren als ein erwachsener Mensch. Die Leber – unser zentrales Entgiftungsorgan – ist noch unreif. Und das hat zur Folge, dass der Alkohol im Blut zehnmal langsamer abgebaut wird als bei der Schwangeren. Bildlich gesprochen bedeutet das: Während die werdende Mutter ihren Kater schon längst hinter sich gelassen hat, befindet sich das Ungeborene quasi noch im Vollrausch!

Null Toleranz für Alkohol in der Schwangerschaft

Doch ein Vollrausch ist für eine gefährliche Schädigung gar nicht notwendig. Weil der Alkohol beim Ungeborenen so viel länger im Blutkreislauf bleibt und dadurch weitaus intensiver als bei Erwachsenen seine schädliche Wirkung entfalten kann, lässt sich keine seriöse Toleranzgrenze für Alkohol während der Schwangerschaft definieren.

Schwangere sollten daher überhaupt keinen Alkohol anrühren. Die einzig seriöse Empfehlung ist eine absolute Null-Promille-Grenze – unabhängig vom Stadium der Schwangerschaft. Und gerade weil schwerwiegende Schädigungen in jeder Schwangerschaftswoche möglich sind, gilt: Auch Frauen, die auf eine Schwangerschaft hoffen, sollten abstinent bleiben.