: Kinder nicht zum Aufessen zwingen

Früher galt: Was auf den Teller kommt, wird auch aufgegessen. Heute weiß man: Das ist keine gute Idee – insbesondere auch, wenn es um „gesunde“ Lebensmittel geht. Es gibt weitaus geeignetere Methoden, Kindern Lust auf gutes Essen zu machen.

Einige unsere Eltern oder Großeltern haben noch den Krieg erlebt – und die Not während der ersten Jahre des Wiederaufbaus. Wer damals hungern musste, tut sich sehr schwer, Lebensmittel wegzuschmeißen – oder dabei zuzusehen, wie jemand Nahrung verschmäht. Lange nach dem Krieg galt daher in vielen Familien: Es wird aufgegessen!

Erhöhtes Risiko für Übergewicht

Doch so nachvollziehbar es ist, die Nahrung zu würdigen und nicht verschwenderisch mit ihr umzugehen: Der Zwang, den Teller leeren zu müssen, kann negative Folgen auf die späteren Ernährungsgewohnheiten haben: Wer zum Aufessen gezwungen wird, entwickelt im späteren Lebensverlauf ein erhöhtes Risiko für Übergewicht. Das geht aus einer amerikanischen Studie hervor, die der Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte (BVKJ) zitiert. Der Kinder- und Jugendarzt Dr. Ulrich Fegeler betont: „Dieses erzieherische Verhalten verhindert, dass Kinder auf ihr eigenes Hunger- beziehungsweise Sättigungsgefühl achten. Stattdessen lernen sie, sich von äußeren Einflüssen bestimmen zu lassen, wie zum Beispiel von einem zu üppigen Essensangebot.“

Genauso verkehrt ist es, bestimmte Nahrungsmittel komplett zu untersagen, beispielsweise Süßigkeiten, Pommes Frites und Co. Laut einer Untersuchung der Universität Minnesota tendieren Kinder, die in „Fast-Food-Askese“ leben müssen, ebenfalls zu Übergewicht. Die Forscher gehen davon aus, dass das Verbot dazu führt, dass diese Lebensmittel besonders verlockend erscheinen. Die Kinder greifen dann erst recht gierig zu, wenn sie die Gelegenheit dazu haben.

Weder Zwang, noch Verbot

Die Experten raten daher von Zwang und strikten Verboten gerade im Zusammenhang mit Ernährung ab. Das gilt auch für das häufig gut gemeinte Bestehen auf einer betont gesunden Ernährung. Doch wer Kinder dazu zwingt, Obst und Gemüse zu essen, darf sich nicht wundern, wenn diese rebellieren – und das Essen trotzig verweigern. Langfristig ist die Wahrscheinlichkeit sogar groß, dass diese Kinder eine regelrechte Abneigung gegen jegliche gesundheitsbewusste Ernährung entwickeln, die sich im Unterbewusstsein verfestigt und auch im Erwachsenenleben bestehen bleibt.

Das heißt natürlich nicht, dass Eltern keinen Appetit auf gesunde und hochwertige Lebensmittel machen sollen. Allerdings funktioniert das nur, wenn die Kinder solch eine Ernährungsweise auch als positiv erleben. Und das geht so:

Selber vorleben: Die Eltern als Vorbild

Kinder lernen vor allem durch Nachahmung. Das gilt auch bei der Ernährung. Und wenn das Familienoberhaupt den Salat als Kaninchenfutter verschmäht und lieber zum Wurstbrot oder der Chipstüte greift, werden die Kinder dieses Verhalten kopieren. Und andersherum zeigt sich: Zählt für die Eltern frisches Obst ganz selbstverständlich zum Frühstück dazu, werden die Kinder das überhaupt nicht hinterfragen, sondern gerne verspeisen. Die meisten Obstsorten haben ohnehin einen süßlich-erfrischenden Geschmack und kommen daher generell bei Kindern gut an – vorausgesetzt, die Früchte sind reif.

Vielfalt auf den Tisch bringen

Je mehr Lebensmittel die Kinder zu Hause kennenlernen, desto besser. Selbstverständlich mögen sie nicht alles. Und das ist völlig in Ordnung. Aber es ist gut, wenn Kinder lernen, dass es eine große Vielfalt gibt – und dass es sich lohnen kann, immer wieder aufs Neue zu probieren.

Denn letztlich handelt es sich bei den typischen Ablehnungserscheinungen um vorübergehende Phasen. So ist es normal, dass Kinder in einem bestimmten Alter besonders bittere Gemüsesorten nicht mögen, beispielsweise Rosenkohl oder Radicchio. Der Grund: Die kindlichen Geschmacksknospen reagieren weitaus sensibler auf Bitterstoffe – insbesondere, um sie vor dem Verzehr ungenießbarer oder giftiger Speisen zu warnen. Auch Blattsalate kommen bis zu einem bestimmten Alter überhaupt nicht gut an – weil das kindliche Gebiss damit eher schlecht als recht umgehen kann.

Vielfalt – auch bei der Zubereitung!

Gerade Gemüse mundet je nach Zubereitung teilweise sehr unterschiedlich. So können Möhren, einfach nur im Wasser gekocht, recht fade schmecken. Roh, als Gemüsesticks serviert, sind sie hingegen für die meisten Kinder eine ansprechende, leicht süßliche Knabberei. Und im Olivenöl mit etwas Salz und Kräutern gedünstet, wird daraus eine mediterrane Spezialität. Brokkoli und Blumenkohl sind blanchiert eine knackige Alternative. Und Wirsing beispielsweise entwickelt in Aufläufen ein besonders intensives Aroma. Wenn Kinder merken, wie unterschiedlich man diese Lebensmittel zubereiten kann, weckt das automatisch ihre Neugier.

Kinder teilhaben lassen

Gerade deswegen macht es Sinn, die Kinder bei der Zubereitung, aber auch beim Einkauf teilhaben zu lassen. Wer selbst kocht, möchte auch probieren. Und wer beim Einkauf mitbestimmen darf, was ausgewählt wird, kann nachher nicht sagen: Das mag ich alles nicht.

Lieblingsobst und Lieblingsgemüse identifizieren und benennen

Alle Kinder haben eine Lieblingsfarbe, ein Lieblingskuscheltier und meist auch eine Lieblingssüßigkeit. Im Kindergarten und in der Schule ist es normal, diese Dinge klar zu benennen. Es ist daher ein leichtes, sie auch ein Lieblingsobst und ein Lieblingsgemüse definieren zu lassen. Man muss einfach nur fragen. Der Trick hierbei: Wenn Kinder einmal von sich aus bewusst gesagt haben, was ihre Lieblingsspeisen sind, werden sie diese künftig kaum ablehnen.

Und kommt es trotz dieser Tricks dennoch zur Ablehnung bestimmter Lebensmittel: Bleiben Sie entspannt. Es ist völlig in Ordnung, wenn Kinder ihre eigenen Vorlieben entwickeln und benennen. Schließlich mögen wir Erwachsene auch nicht alles zu jeder Zeit gleich gerne. Und die meisten Aversionen gegenüber bestimmten Lebensmitteln sind ohnehin nur vorübergehend.