Zu früh, zu oft: Werden Opioide von Ärzten unterschätzt?

• Studie unter Leitung des Arzneimittelexperten Prof. Dr. Gerd Glaeske
• Forscherteam der Universität Bremen ermittelt steigende Vergabe bei zweifelhaften Indikationen - trotz hoher Suchtgefahr
• Kritik: Leichtfertige Verordnung von Opioiden wie Fentanyl
• Aktionstag gegen den Schmerz am 7. Juni

Bremen, 02. Juni 2022: Starke Schmerzmittel wie Morphin, Fentanyl und Tilidin sollen nur in besonders schwerwiegenden Fällen – beispielsweise in der Krebstherapie – eingesetzt werden, da sie mit einer großen Suchtgefahr einhergehen. In Deutschland werden sie jedoch mittlerweile überwiegend Patienten mit Rückenbeschwerden und Arthrose verordnet, obwohl das bei diesen Erkrankungen nur in Einzelfällen erfolgen sollte. Das ist das Ergebnis des aktuellen Opioid-Reports der Universität Bremen, der unter der Leitung des Arzneimittelexperten Prof. Dr. Gerd Glaeske in Kooperation mit der hkk Krankenkasse erarbeitet wurde.

Präsentiert wurde die Studie von Lutz Muth, Apotheker und wissenschaftlicher Mitarbeiter am socium Forschungszentrum Ungleichheit und Sozialpolitik der Uni Bremen, da Gerd Glaeske am 27. Mai nach langer Krankheit verstorben ist. Die Veröffentlichung der Studie rechtzeitig zum bundesweiten Aktionstag gegen den Schmerz am 7. Juni war ausdrücklicher Wunsch des Apothekers Glaeske, der im Bereich Arzneimittel der wohl profilierteste Versorgungsforscher Deutschlands war. Einblicke in die praktische Versorgungswirklichkeit bot Dr. med. Joachim W. Ulma, Chefarzt der Klinik für Schmerzmedizin und der Schmerzambulanz im Rotes Kreuz Krankenhaus Bremen.

Forscher kritisieren leichtfertige Verordnung von Fentanyl

Laut ärztlichen Leitlinien sollen starke Opioide wie Fentanyl nur dann verordnet werden, wenn alle anderen therapeutischen Optionen erfolglos geblieben sind. Erst im April dieses Jahres warnte die Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft, dass die wiederholte Anwendung von Fentanyl – zum Beispiel als Nasenspray oder Lutschtablette – zu Opioid-Abhängigkeit und eine missbräuchliche Falschanwendung zu einer Überdosierung oder zum Tod führen kann. Insbesondere chronische Schmerzen sollten daher immer zunächst mit Heil- und Hilfsmitteln wie Ergo- oder Physiotherapie und gegebenenfalls zusätzlich mit opioidfreien Schmerzmitteln behandelt werden. „Aber ob diese Optionen ausgeschöpft werden, ist fraglich. Der Griff zu Schmerzmitteln erscheint vielen als einfachster und günstigster Weg“, so Lutz Muth.

Grund zur Sorge gibt die Auswertung von hkk-Daten: Entgegen der GKV-weiten, eher rückläufigen Vergabe des Wirkstoffes Fentanyl (- 0,3 Prozent), stiegen die verordneten definierten Tagesdosen (DDD) bei der hkk zwischen 2019 und 2020 um 6,6 Prozent, obwohl die Anzahl von Versicherten mit entsprechender Verordnung nahezu unverändert blieb. „Fentanyl wirkt 100-mal stärker als Morphin und birgt ein hohes Suchtpotential“, warnt Muth. „Langfristig kann das alle teuer zu stehen kommen und unkontrolliert zu einer Medikamenten-Abhängigkeit der Patienten führen.“

Steigende Vergabe von Opioiden für Arthrose und Rückenleiden

Starke Opioide sind vor allem Mittel, mit denen Patienten mit Tumorschmerzen, sonstigen schweren Schmerzzuständen und in Hospizen versorgt werden. „Dennoch sehen wir in den hkk-Daten, dass starke Opioide der WHO-Stufe-III bei 81 Prozent der Frauen und 78 Prozent der Männer verordnet wurden, für die keine Krebserkrankung kodiert wurde“, erklärt Muth. Am häufigsten erhielten diese Arzneimittel Patienten mit Rückenbeschwerden und Arthrose, wobei sie fast ausschließlich (87 Prozent) von Allgemeinmedi­zinern und hausärztlich tätigen Internisten verschrieben wurden.

Bei solchen Erkrankungen sollte insbesondere eine Langzeitanwendung nur in Einzelfällen erfolgen und mit einer regelmäßigen Überprüfung der Dosis sowie einer eventuell bestehenden Abhängigkeit einhergehen. Zudem ist die Einbeziehung eines ausgewiesenen Schmerztherapeuten unbedingt anzuraten. „Leider suchen viele Schmerzpatienten über Jahre hinweg nach einer effektiven Therapie. In dieser Zeit kann eine Chronifizierung entstehen oder fortschreiten und die Behandlung deutlich erschweren”, so Dr. med. Joachim W. Ulma, Chefarzt der Klinik für Schmerzmedizin und der Schmerzambulanz im Rotes Kreuz Krankenhaus Bremen.

Suchtprävention wegen Opioid-Missbrauch

„Auch wenn in Deutschland keine Zustände wie in den USA herrschen, wo der Opioid-Missbrauch seit Ende der 1990er-Jahre eine Krise mit mehreren hunderttausend Todesopfern ausgelöst hat, ist die Suchtgefahr von Opioiden auch hierzulande ein Thema“, erläutert Dr. Cornelius Erbe, Bereichsleiter Versorgung bei der hkk Krankenkasse. Die zunehmende Verordnung von Opioiden bei chronischen Schmerzen sei vor allem für 30- bis 40–Jährige zum Problem geworden. „Aus anderen Studien wissen wir, dass dies zu mehr stationären Suchtbehandlungen geführt hat.“ Seiner Einschätzung nach sollten Ärzte die Suchtgefahr gegenüber ihren Patienten stärker kommunizieren, Anzeichen für Suchtverhalten kritischer überprüfen und gefährliche Komedikationen mit psychoaktiven Arzneimitteln wie Benzodiazepinen noch sorgfältiger ausschließen.

„Aber auch wir als Krankenkasse müssen vermehrt aufklären und die Suchtprävention weiterentwickeln“, so Erbe. Mit Projekten wie „Color Your Life“ oder dem Kreativwettbewerb „Ausweg gesucht“ unterstützt die hkk neue Wege, um auch Jugendliche gezielt anzusprechen.

Außerdem arbeitet die hkk daran, die Betreuung von Schmerzpatienten zu verbessern. So übernimmt die hkk im Bedarfsfall die Kosten für digitale Gesundheits-Apps wie zum Beispiel ViVira und HelloBetter. Zudem ist die Einführung eines strukturierten Behandlungsprogramms „DMP chronischer Rückenschmerz“ in Planung, mit dem die Schmerzintensität und Alltagseinschränkungen der Patienten verringert werden sollen.

Link zur Studie: www.hkk.de/gesundheitsreport

Über die hkk Krankenkasse (Handelskrankenkasse)

Die hkk zählt mit mehr als 880.000 Versicherten (davon mehr als 690.000 beitragszahlende Mitglieder und 2.100 Servicepunkten zu den großen gesetzlichen Krankenkassen. 2021 verzeichnete sie ein Wachstum von mehr als 140.000 Kunden. Mit ihrem Zusatzbeitrag von 0,69 Prozent ist sie das achte Jahr in Folge die günstigste deutschlandweit wählbare Krankenkasse. Zu den überdurchschnittlichen Leistungen zählen unter anderem mehr als 1.000 Euro Kostenübernahme je Versicherten und Jahr für Naturmedizin, Vorsorge sowie bei Schwangerschaft. Das vorteilhafte Preis-Leistungs-Verhältnis wird durch eine über Jahrzehnte gewachsene Finanzstärke und Verwaltungskosten ermöglicht, die mehr als 25 Prozent unter dem Branchendurchschnitt liegen. Rund 1.200 Mitarbeiter*innen betreuen 2022 ein Haushaltsvolumen von rund 3,2 Milliarden Euro; das sind 5,8 Prozent mehr als im Vorjahr. Rund 2,5 Milliarden Euro davon entfallen auf die Krankenversicherung. Das Volumen der Leistungsausgaben liegt bei 2,4 Milliarden Euro (+ 14,1 Prozent).

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