: Personalisierte Medizin

Bessere Wirksamkeit und höhere Heilungschancen, dafür weniger unnötige Behandlungen und Nebenwirkungen – das verspricht eine individuell auf den Patienten zugeschnittene Therapie. Allerdings sind noch viele Fragen ungeklärt.

Zielgerichtete Behandlung

Jahrelang verordneten Ärzte den meisten Patienten mit der gleichen Krankheit auch dasselbe Medikament – getreu dem Motto „One size fits all“ („eine Größe passt allen“). Nicht immer mit Erfolg: Bei manchen Patienten war die Therapie wirkungslos oder ging sogar mit schweren Nebenwirkungen einher.

In der personalisierten oder auch individualisierten Medizin geht man einen anderen Weg. So sollen Medikamente und Therapien entwickelt werden, die jeweils auf den einzelnen Patienten zugeschnitten sind. Diese sollen effektiver wirken, Nebenwirkungen minimieren und unnötige (belastende) Behandlungen verhindern. Darüber hinaus würden so die Kosten im Gesundheitswesen gesenkt. Experten bezeichnen diese Form der Medizin auch als Präzisionswaffe, die anstelle einer herkömmlichen „medizinischen Schrotflinte“ zum Einsatz kommt.

Allerdings ist vieles davon noch Zukunftsmusik: Zwar suggerieren die Begriffe „personalisiert“ und „individualisiert“ eine auf jeden Patienten präzise zugeschnittene Therapie. Doch dies ist in der medizinischen Versorgung meist (noch) nicht der Fall. Daher halten viele Experten den Begriff „stratifizierte Medizin“ für angemessener. Stratifizieren heißt, bestimmte Gruppen von Patienten zu identifizieren, die mit einer bestimmten Therapie aufgrund gemeinsamer Eigenschaften behandelt werden können. Das kann beispielsweise dieselbe krankhafte Veränderung im Erbgut sein.

Praktische Anwendung findet dies immer häufiger im Rahmen einer therapiebegleitenden Diagnostik („Companion Diagnostic“). Ziel ist es herauszufinden, ob eine geplante Therapie bei einem Patienten zum Erfolg führt. Dabei unterscheiden Experten zwischen Tests, die für eine bereits bestehende Therapie entwickelt werden, und solchen, die zusammen mit einem neuen Medikament auf den Markt kommen.

Ein prominentes Beispiel ist das Brustkrebsmedikament Herceptin. Dies wird nur dann verabreicht, wenn ein Test ergibt, dass die Patientin voraussichtlich positiv auf das Mittel reagieren wird. Tipp: In Deutschland sind derzeit (Stand Februar 2016) 45 Wirkstoffe für die personalisierte Medizin zugelassen, vor deren Anwendung ein genetischer Test vorgeschrieben ist oder empfohlen wird. Die Liste kann unter www.vfa.de/personalisiert heruntergeladen werden.

Fortschritte in der Krebstherapie

Ohnehin sind die Erwartungen in der Krebstherapie groß. Bislang mussten sich viele Patienten einer Chemotherapie unterziehen. Das Problem: Die hierfür eingesetzten Zytostatika greifen nicht nur Krebs-, sondern fast immer auch gesunde Zellen an. Dadurch kommt es häufig zu heftigen Nebenwirkungen – angefangen bei Übelkeit und Erbrechen über Schleimhautentzündungen bis hin zu Haarausfall. „In vielen Bereichen der Onkologie will man daher wegkommen von den klassischen Zytostatika hin zu einer zielgerichteten Therapie, die die bösartigen Zellen trifft, aber die gesunden schont“, sagt Prof. Dr. med. Arnold Ganser, Direktor der Klinik für Hämatologie, Hämostaseologie, Onkologie und Stammzelltransplantation an der Medizinischen Hochschule Hannover.

Erste Erfolge mit einer zielgerichteten Krebstherapie erzielten Ärzte bereits vor 15 Jahren bei der chronisch myeloischen Leukämie – einer seltenen Form von Blutkrebs. Prof. Ganser: „Früher mussten Patienten Transplantationen erhalten oder starben nach maximal sechs bis sieben Jahren. Mit Hilfe zielgerichteter Medikamente haben sie heute eine normale Lebenserwartung.“ Auch bei bestimmten akuten Leukämieformen und einigen nicht kleinzelligen Bronchialkarzinomen können zielgerichtete Wirkstoffe die Heilungschancen verbessern. Das Gleiche gilt beim Schwarzen Hautkrebs (malignen Melanom): „Bildete der Tumor früher Tochtergeschwülste, hat dies fast immer tödlich geendet. Heute gibt es Medikamente, die gegen das aktivierte mutierte Onko-Protein gezielt hemmend wirken und auch im fortgeschrittenen Stadium die Krankheit zum Stillstand bringen“, erklärt Ganser.

Wichtig zu wissen: Auch moderne zielgerichtete Medikamente greifen in den normalen Stoffwechsel ein und können Nebenwirkungen wie beispielsweise Juckreiz, Übelkeit oder Abgeschlagenheit verursachen. Prof. Ganser schätzt, dass bis zu 90 Prozent aller Patienten in unterschiedlicher Weise betroffen sind. In seltenen Fällen könnten auch massive Durchfälle, starker Juckreiz, Schilddrüsenstörungen oder eine Immunreaktion der Hirnanhangsdrüse auftreten und einen Therapieabbruch notwendig machen. Der Patient sollte sich daher auf jeden Fall informieren und sich an einen Spezialisten wenden, der sich mit etwaigen Nebenwirkungen gut auskennt, rät der Onkologe.

Grenzen und Risiken

Dementsprechend fällt das Fazit des Krebsspezialisten vorsichtig optimistisch aus. „Bei Tumoren wie Schwarzem Hautkrebs oder Nierenzellkrebs, bei denen die Kontrolle des Tumorwachstums durch das Immunsystem günstig beeinflusst werden kann, wurden die Therapiemöglichkeiten insbesondere anhand neuer Immuntherapeutika deutlich verbessert. „Allerdings sind diese Krebsarten relativ selten“, schränkt der Onkologe ein. Am besten wirkten zielgerichtete Therapien bei Krebsarten mit wenigen Mutationen, wie zum Beispiel der chronischen myeloischen Leukämie. Bei den meisten Krebsarten lägen jedoch 20 oder mehr Mutationen vor, sodass dort die Wahrscheinlichkeit, mit einem Medikament das Tumorwachstum auf Dauer hemmen zu können, deutlich geringer sei. Dementsprechend machten sich die Erfolge der neuen zielgerichteten Medikamente bei den ganz großen „Killern“ wie Magen-, Darm und Brustkrebs noch nicht in der Masse bemerkbar. „Nicht jeder Patient profitiert von einer zielgerichteten Therapie“, glaubt Ganser.

Kritiker haben zudem datenschutzrechtliche und ethische Bedenken. Wie geht man mit den genetischen Daten um – erst recht, wenn die Befunde nur ein Risiko darstellen und keine Gewissheit besteht, dass die Krankheit auch tatsächlich ausbricht? Zwar müssen Patienten einem Gentest ausdrücklich zustimmen. Doch bedeutet das Recht auf Nicht-Wissen, dass sich damit die Heilungschancen verringern? Und werden Arbeitgeber und Versicherer zukünftig Angestellte und Kunden bevorzugen, die ein „einwandfreies“ genetisches Profil vorweisen können? Zur Zukunft der genetischen Diagnostik hat sich auch der Deutsche Ethikrat geäußert: „Manche sind für die medizinische Versorgung sehr hilfreich, andere erbringen belastende Informationen ohne Eingriffsmöglichkeit, wieder andere sind von unklarer Bedeutung. Die Gefahr von Fehlinterpretationen und Missverständnissen ist groß, wenn genetische Diagnostik nicht auf qualitativ hohem Niveau und unter Berücksichtigung auch nicht genetischer Faktoren angeboten und betrieben wird“, befand das Expertengremium. Diese Stellungnahme zeigt, dass es noch viele offene Fragen gibt.

Weitere Informationen

Lesen Sie auch den Beitrag "Gentests aus der Apotheke: soll ich oder soll ich nicht?" von Prof. Dr. Gerd Glaeske, Co-Leiter der Abteilung Gesundheitsökonomie, Gesundheitspolitik und Versorgungsforschung am SOCIUM – Forschungszentrum Ungleichheit und Sozialpolitik der Universität Bremen.