: Die eigenen Schutzfaktoren trainieren

Am Deutschen Resilienz-Zentrum arbeiten seit 2014 fachübergreifend Neurowissenschaftler, Mediziner und Psychologen an der neurobiologischen Erforschung der Resilienz. Ziel ist es, Resilienztrainings zur Vorbeugung und Behandlung stressbedingter Erkrankungen zu entwickeln. Die Diplom- Psychologin Dr. Isabella Helmreich erklärt, was es damit auf sich hat.

Frau Dr. Helmreich, wie lernt man Resilienz?

Helmreich: Jeder von uns besitzt Resilienzfaktoren und -strategien, die er nutzen kann. Doch oftmals sind wir uns dessen nicht bewusst. Daher gilt es, erst einmal zu prüfen: Über welche verfüge ich? Welche nutze ich nicht? Welche fehlen mir noch? Dann geht es in einem ersten Schritt darum, die vorhandenen Ressourcen, wie etwa das soziale Netzwerk, verstärkt einzusetzen. Habe ich dagegen vielleicht Probleme, mit schwierigen Emotionen umzugehen, gilt es, dies zu trainieren – zum Beispiel, indem man sich mit Selbsthilfeliteratur beschäftigt, einen Workshop besucht oder sich eventuell professionelle Hilfe sucht.

Vor dem Hintergrund zunehmender seelischer Erkrankungen scheint dies immer wichtiger zu werden ...

Helmreich: Das ist richtig. Die Arbeitsbedingungen und -techniken in unserer Gesellschaft haben sich grundlegend verändert und zu einer hohen Arbeitsverdichtung geführt.  Insbesondere die ständige Erreichbarkeit aufgrund von Smartphones und Tablets sowie der zunehmende Termin und Leistungsdruck sind etwas, was die Menschen extrem stresst. Wir müssen erst lernen, wie wir gut damit umgehen, und andere Stressbewältigungsfähigkeiten entwickeln, als wir bisher hatten. Dabei kann ein Resilienztraining helfen.

Eines Ihrer Ziele ist auch, dazu anzuregen, die Lebens- und Umweltbedingungen resilienzförderlicher zu gestalten. Wie muss man sich das vorstellen?

Helmreich: Gerade im Arbeitsleben ist die Gefahr groß, durch ständige Überforderung in einen Teufelskreis aus chronischem Stress und der damit verbundenen Gefahr einer psychischen oder auch körperlichen Erkrankung zu geraten. Belastende Arbeitsbedingungen können auch Menschen krank machen, die von Natur aus resilient sind beziehungsweise eine robuste Gesundheit besitzen. Daher ist es wichtig, dass Arbeitgeber für gesunde Arbeitsbedingungen sorgen. Es geht nicht darum, den Menschen noch mehr zu optimieren, sondern auch Grenzen zu setzen – beispielsweise durch die Möglichkeit, handy- beziehungsweise E-Mail-freie Zeiten einzurichten, in denen Mitarbeiter in Ruhe durcharbeiten können.

Es heißt, früh übt sich. Wie können Eltern und Lehrer die seelische Widerstandskraft schon bei Kindern stärken?

Helmreich: Wichtig ist ein Erziehungsstil, der durch Wertschätzung und Akzeptanz dem Kind gegenüber geprägt ist, aber auch Grenzen und Regeln enthält. Sinnvoll ist zudem ein positiver Kontakt zu Gleichaltrigen. Daher sollten Eltern Freundschaften ihrer Kinder fördern und sie darin unterstützen, sich ihr eigenes soziales Netzwerk aufzubauen. Auch in Bildungseinrichtungen sollte ein wertschätzendes Klima herrschen. Gut ist es, wenn Kinder bereits in Kindergarten und Schule dazu angeleitet werden, Fähigkeiten zur Konfliktlösung und Stressbewältigung zu entwickeln. Und natürlich sollte ihnen gezeigt werden, wie sie konstruktiv mit negativen und unangenehmen Gefühlen umgehen können.

Und was kann man als Erwachsener tun, um resilienter zu werden?

Helmreich: Wichtig ist eine Grundhaltung, die man als realistischen Optimismus bezeichnet. Das bedeutet, dass man positiv in die Zukunft blickt. Hierzu gehört auch, kleine positive Dinge im Alltag (wieder) wahrzunehmen. Eine Rolle spielt auch die Selbstwirksamkeitsüberzeugung – also das Wissen, dass man die Fähigkeit hat, schwierige Situationen zu bewältigen. Außerdem sollte man Dinge akzeptieren lernen, die man nicht verändern kann. Und wie schon bei Kindern gilt: ein gutes soziales Netzwerk aufbauen und pflegen.