Nahrungsergänzungsmittel?: Obst und Gemüse sind die bessere Wahl

Rund 2,1 Milliarden Euro geben wir in Deutschland für Nahrungs-ergänzungsmittel aus. Ernährungsstudien zeigen aber, dass für den größten Teil unserer Bevölkerung ab dem 15. Lebensjahr gar kein Mangel an wichtigen Nährstoffen besteht. Wann Nahrungsergänzungsmittel sinnvoll sind und wann sie sogar mehr schaden als nützen erklärt Prof. Dr. Gerd Glaeske, Gesundheitswissenschaftler an der Universität Bremen.

Im Jahr isst jede*r Deutsche im Schnitt 100 kg Gemüse und 65 kg Obst, deutlich mehr als in den vergangenen Jahren. Wir trinken dazu noch rund 31 Liter Fruchtsaft oder Fruchtnektar – damit sind wir Saftweltmeister. Dennoch kauf jede*r Dritte Supplemente. Viele Menschen unterschätzen, wie viele Vitamine und andere Nährstoffe in unseren üblichen Produkten stecken. Wer sich normal und vielseitig ernährt und zusätzlich unbekümmert Nahrungsergänzungsmittel einnimmt, riskiert sogar eine Überdosierung.  

Neben- und Wechselwirkungen von Nahrungsergänzungsmitteln

Nahrungsergänzungsmittel bieten kaum Hinweise auf Neben- oder Wechselwirkungen an, sie unterliegen nur dem Lebensmittelrecht und müssen keine Zulassung durchlaufen, wie Arzneimittel. Dabei bergen manche Nahrungsergänzungsmittel ein hohes Potenzial an Wechselwirkungen mit Arzneimitteln, was insbesondere bei älteren Menschen oder Personen mit fixen Medikationen wegen chronischer Erkrankungen von Bedeutung ist.  

So kann z. B. Calcium die Aufnahme vieler Arzneimittel vermindern. Gleichzeitig eingenommen wirkt dann ein Medikament nicht mehr so, wie es notwendig ist. Vitamin B6 kann die Wirkung von Parkinson-Arzneimitteln mit dem Inhaltsstoff Levodopa verringern. Vitamin C behindert die Ausscheidung von Azetylsalizylsäure und kann bei einer notwendigen Einnahme von Eisenpräparaten die Eisenwerte erhöhen. Vitamin D erhöht möglicherweise die Wirkung des Cholesterinsenkers Atorvastatin und kann bei der Einnahme bestimmter Entwässerungsmittel (sogenannte Benzothiazide) zu einem erhöhten Calciumspiegel im Blut führen. Wenn Vitamin E über längere Zeit in hohen Dosierungen eingenommen wird, kann es zu einer Verringerung von Schilddrüsenhormonen im Blut kommen. Der Tagesbedarf für Vitamin E liegt zwischen 11 bis 15 Milligramm.

Es gibt auch andere „Wechselwirkungen“: So kann Folsäure und Biotin in Nahrungsergänzungsmitteln bestimmte diagnostische Maßnahmen erschweren. Folsäure überdeckt im Blutbild zum Beispiel Hinweise auf einen Mangel Vitamin B12. Dieser Mangel kann zu einer gefährlichen Blutarmut, der perniziösen Anämie führen. Biotin kann bei Labortests zum Nachweis von Schilddrüsen- und Sexualhormonen stören und zu falschen Ergebnissen beitragen. Das gilt auch für hohe Dosierungen von Vitamin C, zum Beispiel bei der Auswertung von Diabetes-Teststreifen.

Wann sind Nahrungsergänzungsmittel doch sinnvoll?

Eine einseitige oder unzureichende Ernährung kann dazu führen, dass zu wenige essentielle Nährstoffe aufgenommen werden. In der Schwangerschaft und Stillzeit ist der Bedarf an bestimmten Nährstoffen erhöht. Auch bei älteren Menschen kann die Versorgung mit essentiellen Nährstoffen zum Beispiel als Folge von Kau- oder Schluckbeschwerden sowie von Appetitverlust ungenügend sein. Gleiches gilt für chronisch Kranke. In diesen Fällen kann eine Ergänzung der Nahrung nötig oder sinnvoll sein.

Wenn also eine Nahrungsergänzung bei der Behandlung von chronischen Krankheiten, wie einer chronischen Magen-Darm-Erkrankung empfohlen wird, sollte sie in jedem Fall unter ärztlicher Kontrolle erfolgen. So weisen Daten über die Nährstoffzufuhr darauf hin, dass einige wenige Vitamine und Mineralstoffe, wie Vitamin D, Kalzium, Folsäure und Jod, in Deutschland von manchen Menschen ungenügend aufgenommen werden.

In Einzelfällen kann eine Nahrungsergänzung also sinnvoll sein. Dies betrifft zum Beispiel Menschen, die keine Milchprodukte verzehren und daher zu wenig Calcium aufnehmen. Speisesalz, mit Jod angereichert, kann die Jodzufuhr in Deutschland auf breiter Basis verbessern. Zur Verbesserung bzw. nachhaltigen Sicherung der Versorgung mit ausreichenden Mengen an Folsäure wird Frauen mit Kinderwunsch vor einer Schwangerschaft empfohlen, ihre Ernährung gezielt durch folsäurehaltige Nahrungsergänzungsmittel oder auch durch entsprechende Arzneimittel zu ergänzen, um das Risiko für so genannte Neuralrohrdefekte, wie „offener Rücken“ (Spina bifida), bei Neugeborenen zu vermeiden.

Vitamin B12 ist für Menschen mit veganer Ernährung dringend zu empfehlen. Eine Studie der Universität Hannover weist darauf hin, dass 80 Prozent der Veganer unzureichend mit diesem wichtigen Vitamin versorgt sind. Vitamin B12 ist in nennenswertem Ausmaß nämlich nur in tierischen Lebensmitteln enthalten. Daneben kann bei Menschen, die sich ausschließlich vegan ernähren, manchmal auch ein Mangel an Vitamin B2 und D, sowie an Eisen, Jod, Zink und Calcium sowie Omega-3-Fettsäuren, festgestellt werden.

Brauchen Sportler mehr Vitamine?

Nahrungsergänzungsmittel sind auch bei Sportler*innen nur dann in Erwägung zu ziehen, wenn ein Versorgungsdefizit vorliegt. Dazu sollte eine ärztliche Untersuchung durchgeführt werden. Ein ins Blaue konsumiertes Mehr an Vitaminen fördert weder die Leistungsfähigkeit noch das Durchhaltevermögen oder die Belastbarkeit im Training oder die Abwehrkräfte des Immunsystems. Denn der Körper kann vieles selbst herstellen: Aminosäuren, Antioxidantien wie Vitamin C, Beta-Carotin oder Polyphenole, Kreatin, L-Carnitin bildet der Körper bei entsprechender Nahrungsaufnahme selbst.

Bekannt ist hingegen ein erhöhter Bedarf an Vitamin B1 bei Ausdauersportarten. Bei intensiv betriebenem Sport können Mineralstoffe wie Magnesium oder Kalium über den Schweiß verloren gehen. Daher unbedingt auf einen Ausgleich achten, etwa in Form von Bananen, Saftschorlen, Gemüse oder Salaten.

Und das Fazit?

Wir alle brauchen Vitamine und Mineralstoffe, aber nur die wenigsten Menschen brauchen sie als Pillen oder Nahrungsergänzungsmittel. Die Regel sollte vielmehr sein: Regelmäßiger Konsum von saisonalem Obst und Gemüse aus der Region, möglichst aus biologischem Anbau, dann sind keine zusätzlichen, z.T. sehr teure Nahrungsergänzungsmittel oder Vitaminpräparate nötig. Ihr Immunsystem ist auch ohne diese Produkte ausgesprochen „tüchtig“ in der Abwehr von Krankheiten  - überflüssige und möglicherweise sogar problematische Mischungen wie Nahrungsergänzungsmittel sind daher eher kontraproduktiv – und nur sehr selten gesundheitsfördernd.